1. Einleitung

Der Kapitalmarkt ist einem tiefgreifenden Wandel unterworfen: Neben den aktuellen Einflüssen aus der COVID-19 Krise und der Regulierung rücken immer mehr (gesellschafts-)politische Fragestellungen in den Fokus. Ein Hauptthema ist die Frage zur Ausrichtung von Kapitalanlagen nach nachhaltigen Kriterien, insbesondere unter Berücksichtigung des Klimawandels. Auch hier wird die Regulierung zunehmend aktiv und macht erste Vorgaben zur Definition von und Berichterstattung über Nachhaltigkeit in der Kapitalanlage. Weitergehende Massnahmen werden jedoch von allen Marktteilnehmern erwartet.

  1. Asset Management

Die Implementierung von Nachhaltigkeitskriterien in den Abläufen der Asset Management Industrie ist im Vergleich zum Wealth Management relativ weit fortgeschritten. Produkte und Anlagestrategien, die nach diesen Vorgaben verwaltet werden, z.B. unter Berücksichtigung von Umweltstandards wie Ressourcenverbrauch, Sozialstandards oder Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals), können heute über die gesamte Wertschöpfungskette an diesen Kriterien ausgerichtet und verwaltet werden.

Grüner PfeilSo startet der Investmentprozess für eine nachhaltige Anlagestrategie bereits in der passenden Selektion des Anlageuniversums. Über Filter und Ausschlusskriterien lassen sich bereits zu Beginn ungeeignete Titel aussortieren, beispielsweise Hersteller geächteter Waffen oder Emittenten mit besonders hohem CO2-Ausstoss. In der Folge können klassische Elemente der fundamentalen und/oder quantitativen Bewertung weiterhin die Zusammensetzung des Portfolios bestimmen, jedoch wird das Auswahlprinzip, beispielsweise Best-in-Class, und Anlagestrategie, (CO2-Reduktion, Ressourcenschonung, o.ä.) die Basis der Portfoliokonstruktion bilden. Die dafür notwendige Datengrundlage wird selbst von sehr grossen Asset Management Häusern häufig extern zugekauft und in manchen Fällen intern „veredelt“. Die Granularität der Informationen erlaubt mittlerweile eine zielgenaue Eingrenzung von Kriterien, trotzdem bleiben für bestimmte Anlageklassen und Regionen noch „weisse Flecken“, zum Beispiel in den Emerging Marktes, wo aufgrund unzureichender Datenbasis keine belastbaren Aussagen zu manchen Kriterien möglich sind. Jedoch ist in diesen Märkten die Dynamik, von einem niedrigeren Niveau ausgehend, besonders hoch, da das Aufholpotential vielerorts erkannt worden ist.

Neben klassischen Instrumenten des Risikomanagements, wie der Steuerung über Derivate oder der Verlustbegrenzung durch gestaffelte Wertuntergrenzen, zeigt sich immer mehr, dass Anleger gerade den impliziten Schutz vor bestimmten Risiken durch nachhaltig ausgerichtete Anlagestrategien schätzen. Die Auswirkungen einzelner Tail-Events (siehe Deepwater Horizon, Fukushima, etc.) lassen sich durch gezieltes Ausklammern mancher Sektoren vermindern oder ganz vermeiden. Zusätzlich lässt sich aktuell in der Coronakrise feststellen, dass auch strukturelle Vorteile durch nachhaltige Anlagen erkennbar werden. So hat die nachhaltig ausgerichtete Variante des MSCI World sowohl im März 2020 als auch über zwölf Monate deutlich weniger an Wert verloren als der vergleichbare Standardindex.

Wenn es um die Berichterstattung zu nachhaltigen Anlagen geht, sind die Möglichkeiten vielfältig, da eine grosse Menge an Daten zur Verfügung steht. Dies wurde unter anderem auch durch die Ende 2019 verabschiedete EU-Taxonomie gefördert, einer Klassifikation nachhaltiger Wirtschaftstätigkeiten. Die Herausforderung besteht hierbei in der einheitlichen und korrekten Verarbeitung der Vielzahl von Datenpunkten, die häufig aus unterschiedlichen Quellen stammen und mittels einer einheitlichen Datenbank harmonisiert werden müssen. Dann jedoch kann über den Wasserverbrauch, die Geschlechterdiversität, den CO2-Fussabdruck oder die Führung (Governance) eines Unternehmens detailliert berichtet werden.

  1. Wealth Management

Im Wealth Management, der holistischen Beratung und Betreuung von vermögenden und sehr vermögenden Privatkunden, spielen nachhaltige Anlageformen eine immer stärkere Rolle. Beispielsweise durch „Impact Investing“, wo Gelder direkt in Projekte zu Bildung, Gesundheit oder Sozialem mit messbar nachhaltigem Effekt investiert werden. Neben zunehmendem Handlungsdruck aufgrund Kundennachfrage ist der Konkurrenzdruck in diesem Segment auch ein Treiber der Entwicklung, da es sich heutzutage kaum ein Vermögensverwalter aus Reputationsgründen leisten kann, in puncto Nachhaltigkeit nicht lieferfähig zu sein.

In der Gesamtschau gehen jedoch viele Weiterentwicklungen auf Vorgaben der Regulierung zurück, beispielsweise durch die Einführung von MiFID II und der damit verbundenen Transparenz zu Kosten oder der Aufzeichnungspflicht für Beratungsgespräche, auch wenn diese teilweise in der praktischen Umsetzung grosse Schwierigkeiten verursacht haben.

Nachhaltigkeit vs Profit

Die jüngste regulatorische Entwicklung, welche diese Transformation unterstützt, bezieht sich auf die Nachhaltigkeit von Finanzanlagen. So hat der bereits 2018 verabschiedete EU-Aktionsplan zur Förderung und Finanzierung einer nachhaltigen Wirtschaft neben vielen anderen Punkten auch dafür gesorgt, dass eine Präferenzabfrage zu ESG-Anlagen bei Anlegern durchgeführt werden muss. Entsprechend wird die Diskussion mit dem Kunden über diese Thematik zukünftig ein wesentlicher Bestandteil einer qualitativ hochwertigen Beratung sein müssen, was eine volle Integration in den Beratungsprozess erfordert. Unterschiedliche Ausprägungen, wie die ausschliesslich implizite Berücksichtigung von ESG-Kriterien über dezidierte ESG-Fonds (Best-in-Class oder Ausschluss) oder die Verpflichtung auf die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals) können vermutlich nicht mit einer Einzelfrage beantwortet werden.

Auch wenn sich prozessual manche Dinge geändert haben, steht weiterhin häufig das Portfolio bzw. die Portfoliokonstruktion im Mittelpunkt der Beratung. So wird in vielen Fällen „vom Ende her gedacht“, wo eigentlich der „Weg“ dorthin entscheidend für ein qualitativ hochwertiges Ergebnis ist. Dieser Weg muss entlang einer modernen Risikoprofilierung über die ganzheitliche Erfassung von Vermögen und Verbindlichkeiten führen, dazu die Anlegerziele adäquat berücksichtigen und dabei neben den erwähnten ESG-Kriterien auch andere Anlegerpräferenzen behandeln, wie aktiv vs. passiv, quantitativer gegenüber fundamentalem Investmentstil oder Boutique-Ansatz vs. Big Player.

  1. Fazit

Es ist zu erwarten, dass der Regulierungsdruck (s.o. EU-Aktionsplan) im Wealth Management zum Thema Nachhaltigkeit deutliche Veränderungen in der Beratung von Privatanlegern anstossen wird. Wenn nicht unbedingt in der prozessualen Abwicklung, wo viele Anbieter sich im Zuge der MiFID II Implementierung neu aufgestellt haben und für Änderungen gewappnet sind, so doch im direkten Austausch mit dem Kunden. Die Art und Weise, wie Wealth Manager die Implementierung der Nachhaltigkeitspräferenzen umsetzen, wird für deren Differenzierung am Markt sowie deren Wettbewerbsfähigkeit langfristig entscheidend sein. Die Kunden werden spüren, ob sich ein Haus tatsächlich mit den genannten Werten identifiziert oder das Thema eher als „Hygienefaktor“ abhandelt. Die gesellschaftspolitische Diskussion wird hierzu ihr Übriges beitragen und weiteren Handlungsdruck, auch auf die Endkunden, ausüben.

Die Diskussion zum Standpunkt des Kunden zur Nachhaltigkeit sollte zu Beginn und möglichst ausführlich geführt werden. Eine zeitgemässe, über Regulierungsstandards hinausgehende Profilierung des Endkunden, bietet hierfür den passenden Rahmen und kann bei richtiger Ausgestaltung auch für den Berater zu mehrwertigen Informationen führen.

Im Idealfall werden hierbei die Effekte des Klimawandels explizit mitberücksichtigt, denn der langfristige Anstieg der globalen Temperaturen wird massiven Einfluss auf zukünftige Renditen und Risiken haben und den Wohlstand des Einzelnen und der Gesellschaft insgesamt deutlich beeinflussen. Auf diesen Paradigmenwechsel müssen sich alle Marktteilnehmer früher oder später einstellen. Hierzu werden wir in naher Zukunft einen weiteren Beitrag in unserem Blog veröffentlichen.

Mit den richtigen Werkzeugen lassen sich diese Herausforderungen nicht nur meistern, sondern auch zum Vorteil von Kunden und Beratern umsetzen. Moderne Software, die eine ganzheitliche Integration des Nachhaltigkeitsthemas sicherstellt, die Betrachtung von Vermögen und Verpflichtungen ermöglicht, Lebensereignisse und –ziele zeitgerecht berücksichtigt und den Klimawandel in unterschiedlichen Ausprägungen in die Berechnung der individuell passenden, strategischen Asset Allokation mit aufnehmen kann, ist „stand-alone“ oder komplementär mit existierenden System die zukunftsorientierte Lösung.

  1. Weiterführende Informationen

Autor: Holger Pötschke

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